Trail of Tears - Pfad der Tränen

Die Vertreibung der südöstlichen Stämme

Anfang des 19. Jahrhunderts stellten die großen indianischen Nationen des Südens - die Cherokee, Choctaw, Chickasaw und Creek - für die jungen Vereinigten Staaten keine militärische Bedrohung mehr dar. Doch bei ihnen selbst tat sich eine tiefe Kluft auf zwischen jenen, die an ihrem traditionellen Leben festzuhalten versuchten, und der wachsenden Mehrheit derer, die die materielle Kultur der Weißen übernahmen.
Die meisten Cherokee, Choctaw, Creek und Chickasaw waren nach dem Krieg von 1812 noch in ihren Heitmatgebieten ansässig und wollten dort auch bleiben. Die Führer dieser Nationen waren davon überzeugt, daß das Überleben der Stämme im Süden nicht nur von einer friedlichen Koexistenz mit den Weißen abhing, sondern auch von der Übernahme des amerikanischen Lebensstils, und versuchten deshalb, sich schleunigst die Kultur der Weißen anzueignen. Viele Cherokee hielten zwar an ihren Traditionen fest, doch der Großteil paßte sich der herrschenden Gesellschaft an. Dies trug ihnen bei den Weißen das Attribut "zivilisiert" ein.
Auch der Umstand, daß die Cherokees ihre politische Existenz lediglich auf dem Staatsvertrag mit England begründeten aber mit den USA keinerlei Verträge geschlossen hatten, bot sich hier für die USA ein legaler Weg für die Vertreibung "der Wilden" und damit für die Ausbreitung der "Weißen Kultur".
Dieser Prozeß begann schon 1801 mit der Ankunft der ersten Missionare, deren 1817 weitere folgten. Sie christianisierten die Cherokee, siedelten sich bei ihnen an und brachten ihnen die Ackerbaumethoden und das Handwerk der Weißen, sowie das Lesen und Schreiben bei. In den 1820-er Jahren wurde die Akkulturation durch Sequoyah beschleunigt, einem Cherokee-Veteran aus Jacksons Armee bei Horseshoe Bend. Er erfand ein Cherokee-Alphabet und arbeitete Regeln für die Schreibung dieser Sprache aus. Die Cherokee lernten sehr schnell lesen und schreiben. Schon 1828 erschien die erste Ausgabe einer nationalen unabhängigen Zeitung "The Phoenix". Sie war als Wochenausgabe in Cherokee und Englisch gedruckt und war als Bildungsmagazin gedacht. Der Herausgeber war ein gebildeter Cherokee namens Elias Boudinot, der ein Missionsschule in Connecticut besucht hatte. Sequoyah
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Im selben Jahr übernahmen die Cherokee ein neues politisches System, das zum größten Teil auf dem Vorbild der Vereinigten Staaten beruhte. Die Delegierten des Stammes schufen bei einer konstitutionierenden Versammlung eine Regierung mit einem Oberhäuptling, einem aus zwei Kammern bestehenden Rat und einem Gerichtswesen. John Ross, ein Mischling, wurde zum Oberhäuptling gewählt und hielt dieses Amt bis zu seinem Tod 1866 inne. Er war von den Missionaren erzogen worden, sprach nur wenig Cherokee, kleidete sich wie ein reicher, weißer Südstaatler und besaß Handels- und Schiffahrtsunternehmen sowie eine große Plantage mit Sklaven. Doch er war seinem Volk sehr ergeben und fand seine treuesten Anhänger bei den reinrassigen Cherokee. Unter seiner Regierung wurden Gelder aus dem Verkauf von Land für den Aufbau der Hauptstadt New Echota verwendet, die mit imposanten Regierungsgebäuden ausgestattet wurde. Viele Cherokee waren zwar gegen die Zunahme von Gesetzen und Reglementierungen, doch die Befürworter des Wandels setzten sich durch und schufen eine starke, auf Ackerbau basierende Wirtschaft, ein komplexes politisches System und ein fortschrittliches Rechtswesen.
Die Choctaw, Chickasaw und Creek folgten mehr oder weniger dem Beispiel der Cherokee; in jedem Stamm entwickelte sich eine wohlhabende indianische Elite, die sich der Mode entsprechend kleidete, in zweistöckigen Plantagenvillen wohnte, Sklaven und schöne Kutschen besaß und mit dem Lebensstil ihrer reichen weißen Nachbarn wetteiferte. Bei nichtindianischen Besuchern und Schriftstellern aus dem Norden wurden diese vier Nationen zusammen mit den Seminolen als die "Fünf Zivilisierten Stämme" bekannt.
Doch für die weißen Südstaatler waren sie nach wie vor nur Indianer. Vor allem für die Bürger von Georgia war dieser Staat im Staate und die Tatsache, daß sie viel fruchtbares Land besaßen, untragbar. 1802 hatte Georgia seine Rechte auf Land im Westen an die Bundesregierung abgetreten und dafür das Versprechen erhalten, sämtliche indianischen Rechte auf Land im Staatsgebiet aufheben und die Indianer ausweisen zu dürfen. Dazu war es zwar nicht gekommen, aber 1817 nötigte Jackson unter Einsatz von Bestechung mehreren Führern der Cherokee einen Vertrag auf, durch den sie ein Drittel des Territoriums ihres Volkes gegen ein Gebiet gleicher Größe im Westteil des Arkansas Territory eintauschten. Bis 1835 waren fast 6000 Cherokee freiwillig in das neue Land emigriert.
Die Wahl Andrew Jacksons zum Präsidenten der USA im Jahre 1828 war für die Indianer eine Katastrophe. Nun, nachdem die Cherokee eine blühende Wirtschaft, ein politisches Gesellschafts-, sowie ein funktionierendes Bildungssystem aufzuweisen hatten, wurde seitens der USA gefürchtet, dieser Zustand könnte sich auf die Nachbarstämme ausdehnen. Er wollte, nötigenfalls mit Gewalt, alle Stämme des Ostens in die damals noch wenig bekannte "Great American Desert" westlich des Mississippi umsiedeln. Dort, so meinte er, könnten sie sicher vor Feindseligkeiten der Weißen so leben, wie sie wollten. So bemächtigte er den Staat Georgia, die polizeiliche und juristische Gewalt auf die dort lebenden Cherokee auszudehnen. Die Regierung von Georgia bat Jackson um Hilfe, woraufhin er den Druck auf die Stämme verstärkte und die Umsiedlung der Indianer zu einer nationalen Aufgabe machte.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren Nationalismus und Rassismus in der weißen Bevölkerung bereits tief verwurzelt, und für die indianischen Nationen des Südens bedeutete es keine Sicherheit mehr, wenn sie ihre Staaten nach dem idealistischen Modell der amerikanischen Revolutionäre gestalteten. Die "zivilisierten Stämme" wurden Opfer einer Politik, die im späten 20. Jahrhundert als ethnische Säuberung bekannt werden sollte.
Als dann auchJohn Ross
Bild 2 noch Gold auf dem Land der Cherokee entdeckt wurde, überschritten Tausende von Weißen nach 1829 die Grenzen der Cherokee Nation und machten Ansprüche auf Land geltend. Die Bundesregierung ließ dem zur Vertreibung der Indianer entschlossenen Staat Georgia freie Hand, indem sie ihre Truppen abzog. Georgia erließ Staatsgesetze, die den Cherokee verboten, Gold zu schürfen, vor Gericht gegen einen Weißen auszusagen und politische Versammlungen abzuhalten - es sei denn in der Absicht, Land zu verkaufen. Damit war es für einen Cherokee unmöglich, Gerechtigkeit einzufordern. Indianische Appelle an Washington wurden von Präsident Jackson ignoriert. Er riet vielmehr einem Senator aus Georgia, den Indianern "tüchtig einzuheizen. Wenn es ihnen zu heiß wird, werden sie gehen."
Im Herbst 1829 trat - unter Mißachtung der Gesetze Georgias - der Stammesrat der Cherokee zusammen und ordnete für den Verkauf von Stammesland die Todesstrafe an. Aber es war zu spät. Am 28. Mai 1830 verabschiedete der Kongreß den "Removal Act", ein Gesetz, das die zwangsweise Umsiedlung der östlichen Stämme in den Westen, nach Oklahoma, vorsah.
Jetzt wandte die Regierung ihre Aufmerksamkeit den angepaßten und deshalb problematischen Cherokee zu. John Ross hatte zwischen 1830 und 1838 mehrere Reisen nach Washington unternommen, um eine Umsiedlung zu verhindern. Er traf sich oft mit Mitgliedern des Kongresses und Präsident Jackson, unter dem er während des Krieges gegen die Creek als Soldat gedient hatte. Doch seine Bemühungen blieben erfolglos. Zweimal wandten sich die Cherokee auch an den Obersten Gerichtshof. 1831 verklagten sie den Staat Georgia, die illegale Aneignung von Besitz der Cherokee Nation einzustellen und anzuerkennen, daß der Stamm nicht der Rechtssprechung Georgias unterlag. Doch das Gericht zerstörte die Hoffnungen der Cherokee, indem es erklärte, daß es für diese Frage nicht zuständig sei. Der Oberste Richter John Marshall, ein Föderalist der alten Schule und Gegner Jacksons, erkannte die zunehmende militärische Macht der Vereinigten Staaten über die Indianer und lieferte mit seiner Entscheidung eine bedeutsame Neudefinition der Beziehung zwischen den Stämmen und der US-Regierung. Darin hieß es, die Indianer sollten künftig als "unabhängige Binnennationen" betrachtet werden, deren Beziehungen zu den "Vereinigten Staaten der eines Mündels zu seinem Vormund vergleichbar ist". Damit wurde impliziert, daß die Regierung zum Schutze der Cherokee verpflichtet sei. Doch Jackson ignorierte das Urteil.
1832 zogen die Cherokee mit weißen Fürsprechern noch einmal vor das Oberste Gericht. Samuel A. Worcester und andere Missionare waren zu Gefängnisstrafen verurteilt worden, weil sie ohne Genehmigung des Staates Georgia und ohne ihm die Treue zu schwören, bei den Cherokee gelebt hatten. Dieses Mal jedoch stellte sich Richter John Marshall unmißverständlich auf die Seite der Indianer und erklärte, die richterliche Gewalt über die Cherokee liege ausschließlich bei der Bundesregierung; der Staat Georgia habe kein Recht, Gesetze zu erlassen , die den Stamm berührten.
Die Cherokee waren begeistert; sie glaubten, damit habe Georgia jegliche Macht über sie verloren und ihr Land und ihre Gesetze seien wieder ganz in der Hand ihrer Nation. Doch Jackson überging auch dieses Urteil und ermutigte Georgia, das gleiche zu tun. Angeblich soll er in privatem Kreis gesagt haben: "John Marshall hat sein Urteil gefällt, jetzt soll er es umsetzen."
Die Tage der Cherokee Nation waren gezählt: 1833 veranstaltete der Staat Georgia eine Lotterie mit Land und Besitz der Cherokee. Dem weißen Lebensstil angepaßte indianische Persönlichkeiten, darunter John Ross und John Ridge - der Sohn von Major Ridge, einem der prominentesten Männer der Vereinigten Staaten -, verloren ihre Plantagen und mußten mit ihren Familien nach Tennessee umsiedeln. Im gesamten Gebiet der Cherokee in Georgia wurden die Indianer gezwungen, ihre Häuser zu verlassen; Felder und Vieh wurden ihnen geraubt. Die Regierungsgebäude in New Echota wurden an Besitzer von Gewinnlosen übergeben. Major Ridge, sein Sohn und sein Neffe Elias Boudinot waren zwar gegen die Umsiedlung, doch als sich die Situation zuspitzte, verloren sie den Mut; überzeugt, daß ein Blutvergießen sonst unvermeidlich sein würde, änderten sie ihren Standpunkt. 1834 spalteten sich die Cherokee in zwei Lager - die Befürworter der Umsiedlung unter Major Ridge und die Gegner unter Führung von Ross.
Im darauffolgenden Jahr reiste Ridge nach Washington und handelte einen Vertrag aus, mit dem er das Land der Cherokee für fünf Millionen Dollar verkaufte. Bei seiner Rückkehr lehnte der Regierungsrat der Cherokee den Vertrag einstimmig ab. Trotzdem trafen sich Ridge und seine Anhänger heimlich in New Echota und unterzeichneten ihn, obwohl ihnen die Konsequenzen bekannt waren.
Trotz Ross' wütender Proteste ratifizierte der Senat der Vereinigten Staaten den Vertrag von New Echota, der den Cherokee für die Umsiedlung in den Westen eine Frist von drei Jahren einräumte. Während dieser Zeit arbeitete Ross unermüdlich, aber ohne Erfolg, um den Vertrag annulieren zu lassen. Ridge zog zwar mit seiner Familie und seinen Anhängern in das Indianerterritorium, doch die große Mehrheit der Cherokee unter Führung von Ross traf keinerlei Vorbereitungen für die Emigration.
Amerikanische Truppen unter Führung von General Winfield Scott begannen am 6.6.1838 mit der Zwangsevakuierung. 7000 Soldaten trafen in Georgia ein, um die Cherokee auf die eine oder anderen Art zum Verlassen ihres Landes zu zwingen - eine Aufgabe, die Scott keineswegs begeisterte. Tausende von Indianern wurden mit vorgehaltenem Bajonett in Lagern zusammengetrieben und warteten auf ihren Abmarsch nach Westen; nur einige Gruppen entkamen in die Berge. Die Cherokee kennen viele Geschichten von solchen, denen die Flucht gelang, und von Helden und Heldinnen, die sich für andere opferten. Einer von ihnen, ein stolzer alter Mann namens Tsali - die Weißen nannten ihn Charley -, tötete einen Soldaten, weil er seine Frau mit dem Bajonett verletzt hatte. Tsali floh mit Frau und Kindern aus dem Lager und schloß sich anderen indianischen Familien an, die sich in den Smoky Mountains versteckt hielten. Als General Scott vom Tod des Soldaten erfuhr, befahl er, Tsali zu suchen.
Dieser tat sich mit anderen Flüchtlingen zusammen, und es gelang ihnen, trotz unermüdlicher Verfolgung der Festnahme zu entgehen. Als dabei zwei weitere Soldaten ums Leben kamen, gab Scott bekannt, er werde die Suche nach sämtlichen Flüchtigen einstellen, falls Tsali und seine Pfad der Tränen
Bild 4 Söhne sich ergaben. Um die anderen Flüchtlinge zu retten, stellte sich Tsali. Ein letzter Akt grausamer Gewalt stand ihm noch bevor: Die Armee zwang mehrere Cherokee, allesamt Anhänger von Major Ridge, Tsali, drei seiner Söhne und einen Bruder zu erschießen. Scott hielt jedoch sein Versprechen und brach die Suche nach vierhundert Cherokee ab, die sich in den Bergen versteckt hielten. Ihre Nachkommen, die Östlichen Cherokee, leben dort noch heute.
Der Zug nach Westen führte durch Tennessee, Kentucky, Missouri und Arkansas (später Oklahoma) und ging als "Trail of Tears" (Pfad der Tränen oder Marsch der Tränen) als eine der übelsten politischen Grausamkeiten der USA in die Geschichte ein. Ross erhielt die Genehmigung, das Kommando für die Umsiedlung von der Armee zu übernehmen, und formierte dreizehn Gruppen. Für den mörderischen Treck benötigten die Trupps durchschnittlich sechs Monate. Nach Schätzungen kamen von den 18000 Cherokee, die zusammengetrieben worden waren, etwa 4000 in Lagern oder unterwegs um. Auch Ross' Frau gehörte zu jenen, die unterwegs an Hitze, Hunger, Durst, Sepsis, Masern, Cholera, Kälte oder Verzweiflung starben.
Im Indianerterritorium bauten die Cherokee ihre Gesellschaft und ihr Wirtschaftssystem langsam wieder auf. Bis 1848 hatten sie aus der wüsten Öde Oklahomas ein Paradies blühender Zivilisation gestaltet, Schulen, Gymnasien und wirtschaftliche Akademien gegründet.
Doch die Spaltung in zwei Lager blieb; 1839 wurden Major Ridge, sein Sohn und Elias Boudinot wegen der Unterzeichnung des Vertrages von New Echota ermordet. Zwischenzeitlich, im Winter 1837/38, mußte auch der letzte der südlichen Stämme, die Chickasaw aus Mississippi und Alabama, ins Indian Territory umsiedeln. Sie leisteten kaum Widerstand. Der Removal Act kam auch im Norden zur Anwendung. Viele Nationen zwischen dem Ohio River und den Großen Seen wurden westlich des Mississippis abgedrängt: Pontiacs Odawa, Little Turtles Miami, Tecumsehs Shawnee, Black Hawks Sauk und Fox, die Delaware und andere wurden zunächst in das heutige lowa und Kansas umgesiedelt und mußten sich am Ende das Indian Territory mit den Stämmen aus dem Süden teilen.


 © Andreas Kuhn 2003 kostenlose Statistik