Die Trommel des Schamanen

Auf den ersten Blick scheint die nordamerikanische Indianertrommel ein ziemlich primitives Instrument zu sein. Über einen hölzernen Rahmen, der das Aussehen eines kleinen Fasses hat, sind auf beiden Seiten Lederhäute gespannt. Nirgendwo gibt es eine Vorrichtung zum Nachspannen der Felle. Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen wirken daher direkt auf den Ton der Trommel und können nicht ausgeglichen werden. Das ist nicht gerade der neueste Stand der Technik.

Auch die Spielweise mutet seltsam an. Im Gegensatz zur afrikanischen Trommel, die für ihre heißen und ekstatischen Rhythmen bekannt ist, schlagen die Indianer ihre Trommel in einem vollkommen monotonen Rhythmus: ... bum ... bum ... bum ... bum ..., ohne Betonungen oder komplizierte Rhythmische Sequenzen. Ein Kind würde so spielen. Der musikerfahrene, aber oberflächliche Zuhörer ist in Versuchung, die Indianertrommel als ein simples Instrument anzusehen, zu dessen Beherrschung die Indianer noch viel zu lernen haben, wollten sie es anderen gleichtun.

Eine solche Einschätzung verkennt, dass die Indianer ihre Trommel nicht eben erst erfunden haben. Seit vielen Jahrhunderten steht sie bei ihnen in höchstem Ansehen. Wenn sie heute noch genauso aussieht und genauso gespielt wird wie seit unzähligen Generationen, dann hat das seine guten Gründe. Ich will versuchen, den Zauber der Indianertrommel als initiatisches Instrument westlichen Lesern näher zu bringen.

Diese Art der Trommel ist in dieser oder ähnlicher Form nicht auf Nordamerika beschränkt. Als Schamanentrommel ist sie auf der ganzen Welt in Gebrauch. Bei uns konnte sie sich in Finnland am längsten gegen die Christianisierung behaupten. An anderen Orten ist die Tradition ungebrochen: die Trommel ist dort täglich im Einsatz, zur Begleitung alter Lieder und Tänze ebenso wie für die ernsthafte Arbeit der Schamanen.


Halt für die Seele


Der Schamane hat die Aufgabe, für seinen Stamm den feinstofflichen Bereich des Lebens zu verwalten. Er (oder sie) wird bei allen möglichen Schwierigkeiten um Rat und Hilfe gebeten. Für die körperliche und seelische Gesundheit seiner Stammesgenossen ist er ebenso zuständig wie für eine erfolgreiche Jagd, gutes Wetter, Kräuterkunde, Einweihungszeremonien für Halbwüchsige, die rituelle Totenbestattung und vieles andere mehr. Um diese Aufgaben erfüllen zu können, muss er guten Zugang haben zur "Welt der Geister", jener Instanz nämlich, bei der er sich den Rat und das Wissen holt, die er für seine Arbeit braucht. Wir würden sagen: er muss freien Zugang zum kollektiven Unbewussten haben.

Die Rolle des Mittlers zwischen zwei Welten - der diesseitigen und der jenseitigen - ist im wesentlichen eine priesterliche Funktion. Das lateinische Wort "pontifex" bezeichnet in der katholischen Kirche das Amt des Priesters: den, "der die Brücke macht". Der Titel des Papstes ist "pontifex maximus", größter, oberster Brückenmacher. In diesem Zusammenhang ist die Etymologie des Wortes "Hexe" interessant. Es bezeichnet nämlich genau die selbe Funktion, nur mit einem andern Bild. Das althochdeutsche Wort "hagazussa" heißt: die auf dem Hag, auf dem Zaun sitzt, eine "Zaunreiterin" oder (ahd.) "zunrite"., gewissermaßen mit einem Bein in dieser und einem Bein in einer anderen Welt. Eine durchaus "pontifikale" Funktion also, die jeder Priester zu erfüllen hat, sei er für den Vatikan tätig oder für die Cheyenne in Oklahoma.

Um in Kontakt mit der jenseitigen Welt treten zu können, hat wohl jede pontifikale Überlieferung, d.h. jede Religion, ihre eigenen bewusstseinsverändernden Techniken entwickelt. Laut gebetet sind die christliche Allerheiligenlitanei und der Rosenkranz in dieser Hinsicht verwandt mit den tibetischen Mantras. Das Herzensgebet der Ostkirche ähnelt der hinduistischen Mantra-Meditation und auch dem Dikhr der Sufis im Islam. Ein Derwisch sucht im Tanz nichts anderes als ein Zen-Mönch auf seinem Kissen. Auch der Verzehr sakraler Drogen spielt in manchen Traditionen eine Rolle. Die Wege sind verschieden, dass Ziel bleibt dasselbe.

Einer dieser Wege ist die Trommel - und zwar gespielt in genau der Weise, wie die Indianer es tun: absolut monoton und über lange Zeit. Das ist ein sehr verbreitetes Merkmal pontifikaler Bewusstseinstechniken: Es sind rhythmisch-repetitive Klänge, Rezitationen oder Bewegungen, immer monoton und meist von langer Dauer. Der obertonreiche Rhythmus der Indianertrommel erinnert an den "Herzschlag der Welt", das universale "Aum". In der schamanischen Arbeit erfüllt er zwei Funktionen. Zum einen erleichtert er das erreichen veränderter Bewusstseinszustände ganz erheblich. Zum anderen dient er dem Schamanen als Ariadne-Faden", als ständig vorhandene "Nabelschnur", die den wandernden Geist immer mit dem Hier-und-Jetzt seines Ausgangspunktes verbindet. Insofern ist die Trommel die eigentliche Mittlerin zwischen den Welten. Das ist auch der Grund für den Respekt mit dem sie bei den Völkern behandelt wird, die sie zu nutzen wissen.

Um in die Tiefen des kollektiven Unbewussten, in die "Welt der Geister" vordringen zu können, muss der Schamane selber "leer" sein. In Jungscher Terminologie ausgedrückt: Sein persönliches Unbewusstes sollte von jedem psychischen Ballast frei sein, der seine geistige Beweglichkeit behindern könnte. In der Tat sprechen manche Schamanen davon, dass sie keine Vergangenheit hätten. Sie sprechen vom "kleinen Tod", dem Tod, den man sterben muss, um Zugang zur anderen Welt zu erhalten. Ihre Einweihung besteht darin, diesen kleinen Tod zu sterben. Er befähigt sie, unbehelligt von eigenen Kümmernissen und Verdrängungen die Tiefen ihrer Psyche auszuloten, wo sie in der Tat Zugang zu mehr und zu anderem Wissen finden, als in ihrem Alltags-Bewusstsein.

Der Weg dorthin ist die schamanische Reise, eine Art katathymes Bilderleben mit vorgegebenen Ziel, nämlich, sich über ein bestimmtes Problem auf einer anderen Ebene Gewissheit zu verschaffen. Der monotone Trommelschlag mit seinen vielen Obertönen begleitet den Reisenden und führt ihn nach vollbrachter Aufgabe wieder an seinen Ausgangspunkt zurück. Manche Schamanen trommeln selber, andere lassen trommeln, während sie auf ihrer Couch liegend ihre Reise machen. Beschreibungen solcher Reisen finden sich in der Literatur zuhauf, es gibt sogar recht gute Anleitungen für Amateure und interessierte Laien (etwa M.Harner: Der Weg des Schamanen).

Das die Informationen, die ein Schamane auf anderen Bewustseinsebenen erhält, in seiner Alltagswelt auch tatsächlich Gültigkeit und Wirkung haben, zeichnet den guten Schamanen aus. Je tiefer die Ebene, in die er hinuntersteigt, desto weniger ist die Information von seinen eigenen Vorlieben und Abneigungen geprägt. Seine Subjektivität steht der übergeordneten, objektiven Wahrheit, die er in der Tiefe seiner Psyche findet, nicht im Wege.

So geht der Schamane nicht unbedingt gleich in den Wald, um Heilkräuter für einen Kranken zu suchen. Er macht eine "Reise" zu seinen inneren Ratgebern und weiß bei der Rückkehr genau, welches Heilmittel das Richtige ist. Wenn die Jagd nicht den gewünschten Erfolg hat, spricht er mit dem zuständigen Geistwesen, dem Geist der Robben, Elche oder Büffel etwa, und befragt sie nach dem Grund, aus dem sie sich der Jagd verweigern. Aus Sibirien ist ein Fall bekannt, wo ein Schamane auf diese Weise eine Rentierherde, die auf ihrer Wanderung zu schnell vorbeigezogen war, zum Umkehren bewog. "Nein, ich habe keine Macht über die Tiere", sagte er hinterher. "Aber mit dem Gott des Waldes habe ich in der Unterwelt gerungen, und er hat die Macht über die Tiere und ihre Geister. Er hat mir gesagt, welchen Zauber ich ausüben darf". Der Fliegenpilz und seine Schamanentrommel begleiteten ihn auf dieser Reise. Über die schamanische Reise sagte er: "Der Schamane muss seine eigene Seele vom Körper lösen, damit er sich auf den weiten Weg in die Unterwelt und zu den Göttern begeben kann. Auf diesem Wege begegnen ihm die bösen Geister, die er überwinden muss, ehe er ins Reich der Götter gelangen kann. Mit den Göttern aber muss er unterhandeln, mit ihnen ringen und kämpfen, bis er weiß, was für ein Opfer ihnen genehm ist und wann er den großen Zauber ausführen darf."*


Innere Läuterung


Im Gegensatz zum eingeweihten Schamanen ist der "normale" Mensch in der Regel zu sehr in seiner persönlichen Psyche befangen, als dass er gleich problemlos Zugang zum "Reich der Götter" fände. Wenn er mit Hilfe einer Trommel "auf Reise geht", begegnen ihm zuerst seine persönlichen "Gespenster". Es ist eine lohnende Erfahrung von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang durchzutrommeln: Müdigkeit, Langeweile, Sinnlosigkeit, Schmerzen und jede Art von rationalen Konstruktionen, werden versuchen, das Trommeln zu unterbrechen. Welche "Gespenster" auftauchen, ist nicht beliebig, sondern entspricht genau den psychischen Prägungen dessen, der trommelt: es sind seine persönlichen psychischen "Abonnements", die er zu sehen bekommt. Das kann sich soweit steigern, dass er, um weiter trommeln zu können, tatsächlich einen kleinen Tod sterben muss - und es auch wirklich so erlebt. Die motorische Rhythmik des Trommelns gibt ihm dabei einen Halt, ohne den er diese Prüfung wohl kaum durchstehen könnte.

Wer eine solche Krise überstanden hat, findet sich auf einer tieferen Ebene seines Bewusstseins wieder, auf der ihm neue Kräfte und eine andere Klarheit zur Verfügung stehen. Hier begegnet er wieder anderen Hürden (Verdrängungen, Lebenslügen etc.), die sein Fortkommen zu behindern suchen. Von Krise zu Krise dringt er immer tiefer in sein persönliches Unbewusstes vor: Er stirbt einen Tod nach dem anderen, bis er schließlich - nach vielen durchtrommelten Nächten - durchlässig geworden ist, wie ein Schamane.

So ist die Indianertrommel ein initiatisches und psychotherapeutisches Instrument von unschätzbarem Wert. Nicht nur kann sie uns Zugang zu den unbewussten Bereichen unserer Psyche erschließen, die uns im Leben am meisten behindern. Als akustisch-motorische Nabelschnur gibt sie uns auch den Halt, der uns befähigt, diese innere Konfrontation bewusst zu erlebeben und heil zu überstehen. Die Voraussetzung dazu ist die unerschütterliche Absicht des Trommelnden, unter keinen Umständen vor der vereinbarten Zeit aufzuhören.

Das ist ein Weg der inneren Läuterung, den jeder für sich beschreiten kann. Alles was man dazu braucht, ist ein ungestörter Platz, eine Indianertrommel und den Willen, den "bösen Geistern", wenn sie auftauchen, die Stirn zu bieten. Ich wünsche allen, die sich darauf einlassen wollen, eine gute Reise.


 © Andreas Kuhn 2003 kostenlose Statistik