Nordamerikanische  Indianersprachen


 Die sprachliche Gliederung der nordamerikanischen Indianer

Als man sich im 19. Jahrhundert ernsthaft für die Kultur und die Geschichte der Indianer Nordamerikas zu interessieren begann, stellte sich auch die Frage nach ihrer sprachlichen Verwandtschaft bzw. Gliederung, um daraus Rückschlüsse hinsichtlich ihrer kulturellen und historischen Geschichte ziehen zu können.

Nach 1890 hat J.W. Powell die sprachliche Verwandtschaft der Indianer Nordamerikas untersucht und kam auf die verwirrende Menge von über 55 voneinander völlig unabhängigen Sprachen. Um 1930 wurde die Sprachgliederung, wie sie Powell aufgestellt hatte, von E. Sapir und A. Kroeber verändert und vereinfacht, so dass nur etwa 7 große und mehrere kleine Sprachfamilien übriggeblieben sind. Diese Forschungen sind nicht unumstritten, und man kann auch von über 20 Sprachfamilien lesen.

Eine extreme Lösung bietet J. Greenberg an, der außer den Eskimo und Na-Dene alle anderen Indianer des Doppelkontinents zu einer einzigen Sprachfamilie zusammenfasst. Diese Verallgemeinerung - mag sie nun berechtigt sein oder nicht - ist insofern wenig hilfreich, als sie der offensichtlichen sprachlichen Differenzierung, die sich im Laufe von Jahrtausenden ausgeprägt hat, in keiner Weise Rechnung trägt. Abgesehen davon, dass es hinsichtlich der sprachlichen Einheitlichkeit oder Differenziertheit zum Zeitpunkt der Einwanderung der Indianer nach Amerika unterschiedliche Meinungen gibt, bestehen hinsichtlich der engeren Verwandtschaft der Indianer untereinander (im Vergleich zu den anderen Menschenrassen) keine Zweifel. Die diesbezüglichen Ergebnisse genetischer Untersuchungen sind eindeutig, man muss also nicht unbedingt Sprachverallgemeinerungen bemühen, um die Indianer als Indianer identifizieren zu können.

Die Thematik ist insgesamt problematisch und schwierig und es gibt viele Einordnungsprobleme. Während sich bestimmte Verwandtschaftsgruppen oft eindeutig identifizieren und geographisch abgrenzen lassen, ist das Verwandtschaftsverhältnis von solchen Sprachgruppen untereinander sowie die Möglichkeit, sie unter einem "Oberbegriff" zusammenzufassen, sehr umstritten. Dementsprechend weichen die Bezeichnungen hinsichtlich der Benennung als Sprache, Sprachgruppe oder Sprachfamilie in den Quellen bis heute stark voneinander ab. Die verschiedenen Indianerlexika, die verbreitet und als Handbücher zum raschen Nachschlagen von Begriffen sehr praktisch sind, machen keine Ausnahme und sind diesbezüglich sehr ungenau.

Aussprache und Grammatik

Gemäß der vielfältigen Differenzierung in sprachliche Verwandtschaftsgruppen ist die Aussprache und Verbreitung bestimmter Laute unterschiedlich. So werden Vokale je nach Sprache entweder offen wie im Deutschen oder nasal wie mitunter im Französischen ausgesprochen. Solche nasalen Leute sind beispielsweise bei den Dakota und den Chickasaw verbreitet. Kehlverschlusslaute, für die wir im Deutschen keine Buchstaben oder Beispiele kennen, werden oft benutzt. Konsonanten (z.B. k, q) spricht man oft differenzierter, als das bei uns der Fall ist, und während die Tunica in ihrer Sprache den Laut "r" benutzen, ist dieser den Muskhogee unbekannt.

Der grammatische Zusammenhang des zu sprechenden erscheint uns komplizierter, als wir das vom Deutschen, Englischen oder auch Russischen kennen, wo Einzelworte nach einem gewissen System hintereinandergereiht und allenfalls etwas konjugiert oder dekliniert werden müssen. Viele indianische Sprachen nutzen Verbindungslaute, um die Worte oder Belebtheitsbezüge eines Satzes miteinander zu einem "Einwortsatz" zu verschmelzen. - Andeutungsweise vergleichbar mit dem Französischen, wo z.B. das stumme Plural-"s" mitunter gesprochen wird, wenn ein vokal anlautendes Wort nachfolgt.

Dieser Sachverhalt ist bereits vor Jahrzehnten von der inzwischen verstorbenen Dr. E. Lips prägnant geschildert worden. Ich füge deshalb an dieser Stelle ein Zitat aus dem "Indianerbuch" ein:
"Die berühmten "endlosen" Wörter der Indianer nun, die ja in Wirklichkeit eine ganze Reihe von Vorstellungen vermitteln, die weit über die Nennung der mit einem einzigen Wort verbundenen Gedankenverbindung hinausgehen, sind oft durchaus nicht aus kompletten Vokabeln zusammengesetzt, sondern sind mehr oder minder nur "gesprochene Stenographie", das heißt, Hinweise auf Wörter. Wie aus vielen bunten, in ihrer Form durchaus nicht immer formglatt abgeschliffenen Mosaiksteinchen dennoch ein klares, schönes Bild zusammengesetzt werden kann, so vermögen solche Wort-Andeutungen, die oft das Riesenbild eines einzigen, indianischen Begriffes formen, zuweilen Situationsberichte zu vermitteln, die alle dramatischen Einzelheiten eines Vorganges genau wiedergeben und dabei einen guten Gesamtüberblick vermitteln. ... Auslassung - R.O.)
Es wird also vom indianischen Redner wie Zuhörer viel mehr erwartet als von unseren: die nur angedeuteten Wörter müssen vom Hörer in seinem Denkapparat vervollständigt werden, und andererseits muss der Redner die verschiedenen Begriffe so reduzieren und mit Verbindungslauten zusammenleimen, dass sie als ein Wort auftreten können." [E. Lips, Das Indianerbuch, Brockhaus Verlag Leipzig 1956, S. 226f.; sowie Nachauflagen]

Sprachen und Stämme in Nordamerika (heutige USA und Kanada)

Die nachfolgenden Auflistungen beruhen zu einem Teil auf dem umfassenden (jedoch nicht sehr aktuellen) statistischen Werk von John R. Swanton "The Indian Tribes of North America", doch auch dieser in historischen Belangen präzise recherchierende Gelehrte hat es vermieden, eine eindeutige Sprachgliederung vorzulegen und wechselt vorsichtig in den Bezeichnungen.

Wir wollen hier versuchen, die sprachliche Einteilung und Verwandtschaft der bekanntesten Stämme Nordamerikas aufzuzeigen, aber wir sind uns der Unvollkommenheit dieses Beitrages bewusst.  (Die nachfolgend verwendeten Ordnungszahlen dienen nur der Übersichtlichkeit dieser Auflistung und sind keine wissenschaftliche Nomenklatur.)

 

1. Eskimo-Aleuten  
2. Algonkin 2.1 Algonkin
2.2 Beothuk
2.3 Chimakum
2.4 Kutenai
2.5 Ritwan
2.6 Salish
2.7 Wakash
3. Na-Dene 3.1 Athapasken
Nördliche Gruppe (Alaska, Westkanada)
Ahtena; Beaver; Carrier; Chilcotin; Chipewyan; Dogrib; Han; Hare; Ingalik; Kutchin; Koyukon; Nabesna; Nahane; Slave; Tahltan; Tanaina; Tanana; Tsetsaut; Tutchone
-außerdem sind enger verwandt: Sarsee; Sekani; Tsattine
Westliche Gruppe (Oregon, California)
Bear River; Chastacosta; Hupa (Chilula; Hupa; Whilkut); Kato; Kwalhioqua; Lassik; Mattole; Nongatl; Sinkyone; Tolowa; Tututni; Umpqua
Südliche Gruppe
Östliche Apache (Jicarilla; Kiowa-Apache; Lipan); Westliche Apache (u.a. Chiricahua; Mescalero; Mimbreño); Navajo
3.2 Eyak
3.3 Haida
3.4 Tlingit
 
4. Hoka 4.1 Caddo
-näher verwandt sind: Adai, Eyeish; Hasinai; Kadohadacho; Natchitoche
-näher verwandt sind: Pawnee; Tawakoni; Waco; Wichita
-von den Skidi-Pawnee haben sich abgespaltet: Arikara
-außerdem zu den Caddo: Kichai
4.2 Hoka
Chimariko; Chumash; Washo (letztere unsicher)
-weitläufig zu dieser Gruppe gehörig: Pomo; Salina
4.3 Iroquois
Iroquois (5 Nationen: Cayuga; Mohawk; Oneida; Onondaga; Seneca); Erie
-eng verwandt sind: Honniasont; Meherrin; Nottaway; Susquehanna; Tuscaroras
-eng verwandt sind: Neutral Nation; Wenrohronon
-wahrscheinlich eng verwandt sind: Huron; Tionondati (Tobacco Nation)
-am meisten weichen ab: Cherokee
4.4 Muskhogee
Chatot; Creek/Muskhogee; Mobile, Napochi; Okelousa; Pascagoula; Seminole; Tohome; Tuskegee
Hitchiti-Gruppe
Alabama, Apalachee; Apalachicola; Chiaha; Hitchiti; Kaskinampo; Koasati; Mikasuki; Oconee; Okmulgee; Osochi; Sawokli; Tamali; Yamassee
Außerdem sind enger verwandt
Acolapissa; Bayogoula, Chakchiuma; Chickasaw; Choctaw; Houma; Taposa
Natchez-Gruppe
(Zugehörigkeit zu Muskhogee mitunter umstritten)
Avoyel; Natchez; Taensa
Wahrscheinlich Verbindung zur Muskhogee-Sprache, jedoch nicht sicher
Ais; Calusa; Cusabo; Guacata; Guale; Jeaga; Tekesta
4.5 Shasta
Achomawi; Atsugewi; Karok; Okwanucho; Shasta; Takelma
4.6 Siouan (Sioux)
Östliche und südöstliche Gruppe
Biloxi; Catawba; Manahoac; Monacan; Moneton; Mosopelea; Saponi; Tutelo; Woccon
-von folgenden Stämmen ist keine Vokabel bekannt, die Zugehörigkeit jedoch wahrscheinlich: Cheraw; Congaree; Keyauwee; Pedee; Santee (nicht mit dem Dakota-Stamm zu verwechseln); Sewee; Shakori; Sissipahaw
Chiwere-Gruppe
Iowa; Missouri; Oto; Winnebago
-enger verwandt sind: Mandan
Dhegiha-Gruppe
Kansa; Ponca; Omaha; Osage; Quapaw
Sioux im engeren Sinne
-sehr eng verwandt sind: Dakota-Stämme (Dakota; Lakota; Nakota)
-von den Dakota (Yanktonai) haben sich abgespalten: Assiniboin
-ursprünglich ein Stamm waren: Crow; Hidatsa
4.7 Yana
Yahi; Yana
4.8 Yuchi
Yuchi (es gibt Ähnlichkeiten mit Siouan oder Muskhogee)
4.9 Yuki
Huchnom; Wappo; Yuki
4.10 Yuma
Cocopa; Diegueño; Halchidhoma; Halyikwamai; Havasupai; Kamia; Kohuana; Maricopa; Mohave; Walapai; Yavapai; Yuma
5. Penuti 5.1 Chinook
Cathlamet; Cathlapotle; Chilluckittequaw; Clackama; Clatsop; Wasco; Watlala
5.2 Penuti
Costanoa; Maidu; Miwok; Patwin; Wintu; Wintun
5.3 Shahaptin
Shahaptin-Gruppe
Cayuse; Klikitat; Mical; Molala; Nez Percé; Palouse; Tenino; Umatilla; Yakima (Yakama)
Lutuami-Gruppe
Klamath; Modoc
5.4 Siuslaw (auch Yaquina)
Alsea; Kuitsh; Miluk; Siuslaw; Yaquina
5.5 Tsimshian
Kitksan; Niska; Tsimshian
6. Uto-Azteca 6.1 Cahita
Yaqui (nur wenige in den USA, meist in Mexiko lebend)
6.2 Kiowa-Tano
(offenbar mit dem Shoshone-Zweig verwandte Sondergruppe)
Kiowa; Tano-Pueblos (Jemez; Pecos; Piro; Tano; Tewa; Tiwa)
6.3 Pima (Sonorische Stämme)
Papago; Pima; Quakatika; Sobaipuri; Tarahumare (Mexiko); Tepehuane (Mexiko)
6.4 Shoshone
Vanyume-Gruppe
Alliklik; Kitanemuk; Serrano; Vanyume
Luiseño-Cahuilla-Gruppe
Cahuilla; Cupeno; Juaneno; Luiseño
Paiute-Gruppe
Bannock; Chemehuevi; Paiute; Ute
Shoshone-Comanche-Gruppe
Comanche; Koso (Panamint); Shoshone
Außerdem
Fernandeño; Gabrielino; Hopi; Nicoleño, Tubatulabal
6.5 Zuñi Zuñi
7. Tunica Atakapa; Bidai; Chawasha; Chitimacha; Deadose; Grigra (wahrscheinlich); Koroa; Opelousa; Tiou; Tunica; Washa; Yazoo
8. Aruak Timucua-Stämme (in Florida, das ist eine neue Erkenntnis der letzten Jahre)
9. Coahuilteca Karankawa -eine Sondergruppe; mögliche Verwandtschaft zu Karankawa und Tunica: Tonkawa
10.Verschiedene     10.1 Keres
mehrere Pueblos (u.a. Acoma; Cochiti; Laguna; San Felipe; Santa Ana; Santo Domingo; Sia)
10.2 Calapooia
Atfalati; Chepenafa; Lakmiut; Yamel; Yoocalla


 © Andreas Kuhn 2003 kostenlose Statistik