Der Lange Marsch
Das Schicksal der Navajo
Weit
landeinwärts von Kalifornien lag die Heimat von rund 12000 Diné oder Navajo:
die hohen Wüstenplateaus, die Tafelberge aus rotem Fels, die Berge und Canyons
des nordöstlichen Arizona und des nordwestlichen New Mexico. Die Diné, die zur
Athapasken-Sprachfamilie zählen,
waren
erst in jüngster Zeit vom nordwestlichen Teil des Kontinents eingewandert,
hatten sich im 15. oder 16. Jahrhundert, gerade bevor die Spanier im Südwesten
ankamen, auf dem angestammten Land der Hopi, Zuni und Pueblo niedergelassen und
paßten sich schnell an. Unter dem massiven Druck spanischer Missionare wurde
aus dem ehemaligen Nomadenvolk eine Nation von Schafhirten. Die Diné übernahmen
die neue Kultur, legten Gärten und Obsthaine an, bauten große Schaf-, und
Ziegenherden auf und webten Kleidung und Decken, in denen sich ihre Kultur
widerspiegelte.
Als der Südwesten
nach dem Mexikanischen Krieg in den Besitz der weißen Amerikaner überging,
erwartete man von den Diné abermals, ihren Lebensstil zu ändern. Im Jahre 1851
bauten die Vereinigten Staaten im Herzen des Diné-Landes Fort Defiance. Plötzlich
mußte eine indianische Gemeinschaft, die auf Weideland angewiesen war, welches
übrigens eine Seltenheit im trockenen Südwesten war, mit den Pferden,
Maultieren und Rindern der US-Armee um die Wiesen konkurrieren. Manuelito,
ein Häuptling der Diné, beklagte sich beim Kommandanten des Forts, Major
William T. H. Brooks.
Brooks beharrte darauf, daß seine Soldaten weiterhin, notfalls mit Gewalt, das
Weideland der Indianer nutzen würden und beschloß, Manuelitos
Widerspenstigkeit zu bestrafen. Im Mai 1858 schoß eine Abordnung von Soldaten
auf Befehl von Brooks 60 Tiere aus Manuelitos Viehherde und trieb den Rest fort.
Der wütende Diné-Anführer marschierte ins Fort.
Die Spannung entlud sich bald in Gewalt. Im Oktober 1858 brannten Soldaten aus
Fort Defiance mit Unterstützung von 160 Zuni-Söldnern
Manuelitos
Dorf und Felder nieder. Dieser Schlag bestärkte Manuelito nur in seinem
Beschluß,
Krieg gegen die Amerikaner zu führen.
Am 30.
April 1860 griffen tausend Diné, von den Spaniern Navaho genannt, unter der Führung
von Manuelito und Barboncito, einem starken Medizinmann und Kriegshäuptling,
Fort Defiance an und überrannten es fast, bevor sie vertrieben werden konnten.
Während des nächsten Jahres widerstanden die Indianer den Vergeltungsschlägen
der amerikanischen Truppen. Schließlich führte der Ausbruch des Bürgerkriegs
dazu, daß die Soldaten in den Osten abzogen und Fort Defiance verließen.
Doch das war nicht von Dauer. General James H. Carleton, Leiter des
Kriegsministeriums von New Mexico, gab in jenem Jahr seinem Untergebenen, dem
berühmten Scout Kit Carson, damals Befehlshaber der New Mexico-Truppen,
folgenden Befehl: Er solle die Diné in ein Reservat namens Bosque Redondo auf
den sonnenverbrannten Ebenen des östlichen New Mexico bringen, das Carleton
gegründet hatte.
Carsons Taktik war, die Diné aus ihrer Heimat zu vertreiben, indem er ihre
Lebensgrundlage zerstörte. Seine vorrückende Armee tötete Schafe, vergiftete
Brunnen und verbrannte oder zerstörte die Felder und Obsthaine. Die Diné
flohen aus ihren Hogans und verteilten sich über ihr Land, um der Gefangennahme
zu entgehen. Manuelito, Barboncito, Ganado Mucho und andere Häuptlinge führten
Tausende ihres Volkes in den Canyon de Chelly und an andere versteckte Plätze
in dem zerklüfteten Gelände. Der Herbst verging, und der Winter setzte bereits
ein, doch immer noch war Carson auf der Suche nach ihnen. Die Diné fanden in
Dinetah, ihrem eigenen Land, keine Ruhe mehr.
Schließlich kamen Carsons Männer in den Canyon de Chelly, mitten im Herzen des
Diné-Landes. Vom Rand des Canyon und aus versteckten Nischen in seinen hohen
roten Felswänden beobachteten die hungrigen und im Winterwetter frierenden
Navaho entsetzt, wie Carsons Männer auf der Suche nach ihnen durch den Canyon
zogen. Jahre später beschrieb Eli Gorman, ein Navaho-Medizinmann, das Elend der
Familie seines Vaters, deren Versteck entdeckt wurde:
Noch ein Schuß war zu hören und noch einer und noch einer. Das Gewehrfeuer wurde allmählich schneller, und bald klang es wie brutzelndes Fett, wenn die Kugeln überall in der Höhle einschlugen. Fast den ganzen Nachmittag ging das so weiter. Als dann das Schießen aufhörte, waren fast alle Navaho tot. Alle, Männer, Frauen, Kinder, junge Männer und Mädchen, wurden in den Felsen getötet. Manche rutschten einfach von den Felsen herab ... Unten am Boden lagen tote Diné übereinander; nur wenige überlebten. Von ganz oben auf den Felsen bis hinunter zum Boden war überall Blut zu sehen.
Im
Tiefwinter zwang der Hunger Hunderte von geschwächten und schlecht bewaffneten
Diné, sich zu ergeben. Sie kamen krank, hungernd und frierend in die Forts
Wingate und Canby; dort wurden sie gefangengehalten, bis sie unter Bewachung zu
einem Gewaltmarsch nach Fort Sumner in dem trostlosen Reservat Bosque Redondo
aufbrach
en.
Der fast 500 Kilometer weite "Long Walk" im Winter 1864 war eine
Tragödie, die immer noch schwer auf dem Diné-Volk lastet; die Stimmen
derer, die den Treck durchstanden, sind nie verstummt. Diejenigen,
die den Langen Marsch überlebt hatten, schlossen sich ihren traditionellen
Feinden, den Mescalero-Apachen an, die von Carleton und Carson ebenfalls ins
Bosque Redondo-Reservat gesperrt worden waren - einem erbärmlichen Streifen
sandigen Bodens entlang des Pecos River. Die meisten Bäume hatte man gefällt,
um Fort Sumner zu bauen, und es gab nichts als unfruchtbares Land. Die Diné mußten
Gräben und Löcher als Unterschlupf ausheben. Sie schlachteten Kühe und
schirmten sich mit deren Häuten gegen Wind und Sonne ab. Die Büsche und
kleinen Bäume waren schnell verfeuert, und die Menschen mußten Mesquitewurzeln
ausgraben und sie als Feuerholz nutzen.
Hunderte von ihnen starben im ersten Jahr in Bosque Redondo. General Carleton, der Urheber und Überwacher des indianischen Exils, hatte sich zum Ziel gesetzt, die Indianer zu Weißen "umzuformen". Stolz schrieb er dem Generaladjutanten der Armee in Washington, Bosque Redondo sei ein "großartiges Experiment, aus Wilden zivilisierte menschliche Wesen zu machen. Hier ... verwerfen sie ... ihre Lebensweise und lernen, wie Weiße zu sein ... Mein Ziel ist, sie allmählich in einem Reservat zu sammeln, das weit weg von den Schlupfwinkeln und Hügeln und Verstecken ihres Landes ist, und dort ... ihre Kinder Lesen und Schreiben zu lehren; die Kunst des Friedens und die Wahrheiten des Christentums. Bald werden sie neue Gewohnheiten, neue Ideen, neue Lebensformen annehmen."
Für das indianische Volk, das hier gefangengehalten wurde, bedeutete dieser Prozeß etwas ganz anderes. "Die sicherste Art, eine Rasse zu vernichten, ist, ihre Religion und ihre Ideale zu vernichten", sagte Frederick Peso, dessen Volk, die Mescalero- Apachen, das Exil in Bosque Redondo mit den Diné teilten. "Wer kann noch daran zweifeln, daß die weiße Rasse das bewußt zu tun versucht hat? Es bedeutet, die Seelen eines Volkes zu töten. Und wenn der Geist tot ist, was bleibt dann noch?"
Bis zum Frühling 1865 lebten 9000 Diné und 400 Mescalero von Rationen, die höchstens für zwei Drittel dieser Zahl ausgereicht hätten. Immer noch verhungerten viele oder starben an Krankheiten. Das Leben in Bosque war zwar elend; noch gefährlicher aber war das Leben für die Navaho, die immer noch in Arizona Widerstand leisteten. Manuelito und andere aufsässige Anführer hatten sich nie ergeben, sondern hielten sich weiterhin in den Canyons auf. Den ganzen harten Winter 1865/66 hindurch sprachen sie nur flüsternd miteinander und wagten kaum, ein Feuer anzuzünden, aus Angst, die Soldaten könnten sie sehen. Sie lebten außerdem in Angst vor den Ute und den mexikanischen Sklavenhändlern, die mit gestohlenen Kindern handelten. Man erinnerte sich der Worte, die Häuptling Ganado Mucho zu Manuelito sprach:
Mein Freund, wir haben Hunger und Kälte viele Monate lang standgehalten ... Diese Ute werden noch dreister als die Mexikaner, und ich fürchte, sie werden uns noch weit mehr Elend bringen, als wir je zuvor erfahren haben, es sei denn, irgendein Wunder hält sie in ihrem eigenen Land fest. Ich glaube, wir sollten erwägen, unser Volk nach Bosque Redondo zu bringen, wo sie sicher sind ...
Um ihre Leute zu retten, ergaben sich Manuelito und Ganado Mucho in Fort Wingate. Aber die Hoffnung auf Schutz erwies sich als trügerisch. Auf dem Marsch nach Bosque Redondo wurden Ganado Muchos Töchter entführt. Später, als sie das Reservat erreicht hatten, wurde sein kleiner Sohn getötet.
Nach
Jahren der Mißernten, nach tausend Toten und der Flucht Hunderter verzweifelter
Indianer aus dem Reservat, sah die amerikanische Regierung schließlich ein, daß
Bosque Redondo ein kläglicher und kostspieliger Fehlschlag war. Im Mai 1868
schickte Washington eine Delegation unter der Führung von General William
Tecumseh Sherman, die sich mit Diné-Anführern im Reservat zu einer Unterredung
treffen sollte. Sherman war erschüttert über den erbärmlichen Zustand der
Diné.
"Ich fand, daß Bosque nicht mehr ist als ein Fleck grünen Grases inmitten
einer wilden Wüste", schrieb er General Grant, der bald Präsident der
Vereinigten Staaten werden sollte. Die Diné, so berichtete er, waren "in
einen Zustand absoluter Armut und Hoffnungslosigkeit versunken". Als die
Unterredungen mit den Indianern in Gang kamen, wurde der wortgewandte Barboncito
ausgewählt, für die Diné zu sprechen. Seine Worte mußten von Navaho ins
Spanische und dann vom Spanischen ins Englische übersetzt werden.
"Am Anfang, als die Diné erschaffen wurden", erklärte Barboncito den weißen Besuchern, "wurden uns vier Berge und vier Flüsse gezeigt, in deren Mitte wir leben sollten. Das sollte unser Land sein, und es wurde uns von der ersten Frau des Diné Stammes gegeben. Von unseren Vorvätern wurde uns gesagt, daß wir niemals östlich über den Rio Grande oder westlich über die San Juan-Flüsse hinausgehen sollten, und ich glaube, es sind so viele von uns und unseren Tieren gestorben, weil wir hierher gekommen sind. Wenn einer unserer großen Männer stirbt und ich das Weinen der Frauen höre, laufen mir die Tränen in den Schnurrbart. Dann denke ich an mein Land." Wenn man uns in unser eigenes Land zurückbringt, werden wir euch Vater und Mutter nennen. Ich spreche für den ganzen Stamm, für ihre Tiere, vom Pferd bis zum Hund, auch für die Ungeborenen ... Mir scheint, daß der General die ganze Sache wie ein Gott befehligt. Deshalb hoffe ich, daß er alles ihm mögliche für mein Volk tun wird ... und ich möchte, daß ihr mir sagt, wann ihr uns in unser eigenes Land bringen werdet.
Die Erlaubnis für die Rückkehr wurde erteilt. Ein Vertrag wurde unterzeichnet, der die neuen Grenzen für die Diné-Nation und die Bedingungen für ihre Entlassung umriß. Sie konnten nie wieder Waffen besitzen oder Überfälle ausführen, und ihre Kinder mußten in weißen Schulen erzogen werden. Die Diné bekamen Essen und Schafe für die Rückkehr in ihre Heimat.
"Wir sagten den Treibern, sie sollten die Maultiere anpeitschen, so eilig hatten wir es", erinnerte sich Manuelito. "Als wir von Albuquerque aus die Berggipfel sahen, fragten wir uns, ob das unser Berg sei, und wir hätten am liebsten mit der Erde geredet, wir liebten sie so, und ein paar alte Männer und Frauen weinten vor Freude ..." Seither haben die Diné strikt die Bedingungen des Vertrags beachtet, den sie 1868 unterzeichnet hatten.
Heute sind sie mit einer Bevölkerung von über 200000 Menschen die bei weitem größte indianische Nation der Vereinigten Staaten. Sie bewohnen dieselben hochgelegenen Wüstenplateaus und das Land mit den roten Felsen, aus dem Kit Carson und General Carlton sie vertrieben hatten. Und im Canyon de Chelly, der immer noch das Herzstück ihrer Heimat ist, zeigen heute junge Diné-Touristenführer Besuchern, wo die Tragödie begann, die zum "Langen Marsch" ihrer Ahnen führte.
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